Die Kirche muss politisch sein

(von Heinrich Wullhorst) Wie politisch darf, wie politisch muss Kirche sein? Rund um den Deutschen Evangelischen Kirchentag und Berlin und Wittenberg wird diese Frage gerade sehr intensiv diskutiert. Aus der politischen Opposition gibt es vereinzelte Kritik am Auftritt von Bundeskanzlerin Merkel mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Von Wahlkampfhilfe ist an der einen oder anderen Stelle die Rede. Allerdings schmücken sich Kirchentage immer gern mit den Namen prominenter Teilnehmer die dazu beitragen, die Messehallen in Berlin und anderorts zu füllen. Und ist es nicht eine zentrale Aufgabe solcher Veranstaltungen, Politik und Kirche, Politiker und freie Christenmenschen in den Dialog zu bringen?

Altar und Thron

Politisches Amt soll aber offenbar vor der Predigtkanzel Halt machen. Ein so enges Verständnis von Predigt erwartet man eigentlich eher von der katholischen Kirche, in der dieser liturgische Eckstein den Laien ohnehin versagt ist. Jetzt ist es aber der Vorsitzende der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK), Christoph Münchow, der die zu große Nähe von „Altar und Thron“ fürchtet. In einem Brief an den evangelischen Militärbischof Sigurd Rink bringt er seine Position zum Ausdruck. Er kritisiert nach Medienangaben die geplante Predigt von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen in einem Bittgottesdienst der Evangelischen Militärseelsorge. Dies sei eine „nicht hinnehmbare Vermischung von geistlichem und weltlichem Amt, Auftrag und Mandat“, schimpft Münchow.

Rechtes Auge, linkes Auge

Weitere Kritik gab es an dem Podium, das der Kirchentag Anette Schultner, der Vorsitzenden der „Christen in der AfD“ einräumte. Sie diskutierte mit dem Berliner Landesbischof Markus Dröge über die durchaus spannende Frage: „Kann man zugleich Christ und Mitglied in einer Partei wie der rechtspopulistischen AfD sein?“  Die Frage sollte allerdings besser lauten: Darf ein menschenverachtender Extremist, auf welcher Seite des politischen Lagers er immer stehen mag, sich Christ nennen? Denn, solange Parteien oder auch Verbände keine Unvereinbarkeitsbeschlüsse zur Mitgliedschaft treffen, beantwortet sich die Frage von selbst. „Es ist Christenpflicht, sich kritisch mit Thesen des Rechtspopulismus auseinanderzusetzen“, sagt Bischof Dröge bei der Veranstaltung in der Sophienkirche. Da hat er sicher recht, aber wie gesagt, auch die Auseinandersetzung mit dem Linksextremismus ist in gleicher Weise wichtig.

Wo darf sich Kirche einmischen?

Und da ist dann auch noch Jens Spahn, der dynamische Jungpolitiker aus dem Münsterland, der deshalb am Ende dieser Aufzählung steht, weil er am Lautesten bejammert, dass sich die Kirche zu sehr politisch einmische. „An zu vielen Stellen machen die Kirchen nicht mehr das, wofür sie da sind. Sie sollten sich mehr auf ihre Kernthemen konzentrieren – also Seelsorge, Glaubensvermittlung oder auch das Karitative“, sagt nach das Nachwuchstalent der CDU im Interview mit der „Heilbronner Stimme“. Stattdessen mische sie sich jedoch „zu sehr in die Tagespolitik ein“.

Profiliert und lautstark

Da liegt Jens Spahn mit seiner Einschätzung nun wirklich daneben. Die Kirche Jesu Christi darf eben gerade nicht unpolitsch sein. Sie muss, im besten Sinne der Katholischen Soziallehre oder der Evangelischen Sozialethik den Finger in die Wunden legen, die die Politik in die Gesellschaft schlägt. Sie muss Stimme sein gegen Ungerechtigkeit, Hoffnungslosigkeit und überall dort, wo Menschen- und Freiheitsrechte mit den Füßen getreten werden. Dass es für Politiker nicht immer leicht zu akzeptieren ist, wenn eine Instanz mit einer immer noch zentralen Bedeutung in Wertedebatten, sich in den Diskurs einbringt, mag dahinstehen. Und die Kirchen sind in ihrem Dialog mit Politik und Zivilgesellschaft nicht allein. Sie haben, zumindest im katholischen Milieu Sozialverbände an ihrer Seite, die nichts von ihrer Bedeutung verloren haben. Zumindest dann, wenn sie profiliert und lautstark ihre Positionen nach außen tragen.

 

Foto: DEKT/Kathrin Erbe

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